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Warum man hierzulande nicht nicht über Grenzen reden kann
Donnerstag, 29. November 2012 PDF Drucken E-Mail

Prof. Dr. Matthias Steinbach hielt auf der Jahrestagung der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen in Helmstedt im Mai 2011 einen Vortrag zum Geschichtenerzählen an Grenzen und über Grenzen. Der hier veröffentlichte Vortrag erscheint ebenfalls im Niedersächsischen Jahrbuch für Landesgeschichte 2012.

Geschichten, die anders sind:
Warum man hierzulande nicht nicht über Grenzen reden kann[1]

Matthias Steinbach

2012-11-29_vortrag_steinbach_1Das Geschichtenerzählen an und über Grenzen ist genuin verbunden mit Erfahrungen und Erinnerungen, die in konkreten historischen und politischen Landschaften wurzeln, mit Erinnerungen, die uns genau hier beschleichen, zumal dann, wenn wir diese Landschaften kennen und ihre Verwandlung mitverfolgt haben und mitverfolgen. Wie aber dieses festhalten, wie vergegenwärtigen, immer neu und wieder vergegenwärtigen? Es gibt viele Erinnerungstechniken. Die Griechen kannten sie alle. Eine ging so: Sie stellten sich einen riesigen Palast mit vielen Zimmern vor, in denen sie ihre verschiedenen Erinnerungen aufbewahrten, sicherstellten: bis zu dem Tag, an dem sie sie wieder brauchten. In ihrer Vorstellung liefen sie dann wie durch Gänge hindurch, und rechts und links fanden sie die Zimmer wieder und in ihnen ihre zurückgelassenen Gedanken. Landschaften sind, so könnte man nun mit Blick auf unser Thema sagen, etwas Ähnliches[2].  Es sind Orte, an denen man eigene Erinnerungen unterstellen kann, an denen sie abgerufen und geformt, bisweilen auch kämpferisch in Stellung gebracht werden können. Und das gilt für Andere auch. Grenzräume zu erforschen hieße somit bestenfalls: Grenzräume als Erinnerungslandschaften zu erkunden und zu erzählen – durch Exkursion und Exploration, als ob wir mit Humboldtscher Präzision immer wieder an die Monumente Roms gingen, um Antike und Renaissance zu begreifen.

Ich will ihnen dieses, mein Anliegen, in dem zugleich etwas von einem größeren Forschungsprojekt anklingt, in der gebotenen Kürze nach einigen Vorüberlegungen zur Charakteristik von Grenzräumen als Gegenden der Erfahrung und der Erinnerung anhand einiger Geschichten, Anekdoten aus der hiesigen Grenzregion vergegenwärtigen und zugleich problematisieren.

Vielleicht stimmt es ja, dass harte politisch-militärische Grenzen, wie Europas "Eiserner Vorhang", die Chinesische Mauer oder zeitweise auch der römische Limes, am Ende doch immer dem Naturgesetz der Aufweichung und des Wandels unterliegen –  hin zu verbindenden und dabei durchaus inhomogenen Kulturräumen; dass auf den Krieg irgendwann die Kunst, auf den Panzer das Fahrrad folgt, und mit Brechts Laotse eben das weiche Wasser mit der Zeit den harten Stein besiegt. Man denke nur an den heutigen Zustand der deutsch-dänischen oder der Jahrhunderte lang umstritten Rheingrenze. Und hier? Wenn sie sich etwa von Wolfenbüttel über Elm und Asse in Richtung Schöningen oder Hessen bewegen, mit dem Auto und besser noch mit dem Rad oder zu Fuß[3], dann hat die Landschaft, je näher man der ehemaligen Grenze und dem damaligen Ende der Welt kommt, noch immer etwas von jener gefrorenen Stille, die sich nach 1945 über die Zonenränder legte. Was nach Aufweichung dann zumindest noch bleibt, sind "geteilte Erinnerungen" und "geteilte Ansichten"[4] im doppelten Wortsinne des Teilens, wie eben auch unser Beispiel des alten, von der innerdeutschen Grenze jahrzehntelang zerschnittenen Braunschweiger Landes mit allen Niederschlägen in den kollektiven und individuellen Erfahrungen und Erwartungen[5] der Menschen zeigt – einer durch Flüchtlings- und Zuwanderungsschübe seit Ende des Zweiten Weltkrieges zudem ethnisch überaus inhomogenen Region. So gesehen ist diese zugleich immer noch Herausforderung für subsidiäre Politik und mithin Probierstein für ein Gleichheitsverständnis, das Odo Marquardt einmal als "angstloses Andersseindürfen für alle"[6] bezeichnet hat. Grenzräume produzieren anscheinend, und das ist mein Kernpunkt heute, Geschichte und Geschichten, die anders sind; so wie "Grenzbewohner" – dies eine Annahme des Braunschweiger Lyrikers Georg Oswald Cott – über ein besonders ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein" verfügen[7]. Was zu beweisen wäre. Dieses "in Geschichten Verstricktsein" drängt indes, soviel ist sicher, gerade angesichts der hinter uns liegenden Jubiläen, zu Erzählung und Dialog, und diese sind ja in gewisser Weise ohnehin unvermeidlich: "Narrare necesse est"[8]. Ob es tatsächlich so etwas wie "grenzeigene Erfahrungen oder Erinnerungen" gibt – bei aller Rücksicht auf das Trügerische jeder Erinnerungsarbeit – und ob diese sich dann auch noch adäquat erfassen, überliefern, verstehen lassen, bleibt durchaus fraglich. Zumal wenn wir derlei für weiter zurückliegende Zeiten zu rekonstruieren suchen. Ich erinnere an Lutz Niethammers Eisenhüttenstadt-Projekt in den 1980er Jahren und den letztlich eben nicht ganz aufgehenden Topos einer Volkseigenen Erfahrung[9].

Auch die grenzeigene Erfahrung scheint zu verdämmern. Der chirurgische Schnitt mitten durch das Land und die Welt vernarbt und verschwindet, aber – und das ist eine weitere Annahme, der man forschend nachgehen könnte – der Grenzraum, die Grenzregion bleibt oder findet und erfindet sich neu. Die "Gegenwartsschrumpfung"[10] indes, also nach Lübbe ein beschleunigtes historisch Werden des Hier und Jetzt, produziert und mobilisiert Musealisierung und Erinnerungslust. Diesen Musealisierungsschub kann man gerade hierzulande von Brome bis in den Südharz sehr gut studieren, und seine Triebkräfte, Helmstedt/Marienborn vielleicht einmal ausgenommen, kommen fast ausschließlich von unten, von den Menschen, die damals vor Ort Akteure des Geschehens waren. Das ist kurz- und mittelfristig gut, langfristig aber problematisch, weil schnell vergänglich.

Noch einmal zurück zum Charakter von Grenzregionen als gleichsam historisch gewachsenen Kulturräumen. Kennzeichnend für diese ist ein je besonderes Verhältnis von Abschottung und Kommunikation, von Wettkampf und Kooperation – von der unmittelbaren Nähe des Anderen, auf das sich das Eigene bezieht, gleichviel ob nun bejahend oder ablehnend. Das kann Kräfte entfesseln. Man interessiert sich eben dafür, was hinter dem Zaun oder der Mauer versteckt ist und versucht den Klimmzug. Grenzregionen produzieren so gesehen – und das gilt, zumindest was die gegenseitige Wahrnehmung betrifft, selbst noch für die finstersten Zeiten etwa des Kalten Krieges – Geschichte und Geschichten in "asymmetrischer Verflechtung"[11]. Sie befestigen aber zugleich "innere Karten" in unseren Köpfen, die langlebig sind und konkurrierende "Zugehörigkeits- und Loyalitätsverhältnisse"[12] spiegeln. So nehmen wir im schmalen innerdeutschen Grenzstreifen konkurrierende Interessen und Identitäten nach wie vor wahr – hier bleibt die Einheit oft eckig und kantig, während sie desto besser zu funktionieren scheint, je weiter man voneinander entfernt ist (oder für manchen an Rhein oder Neiße erst gar nicht stattgefunden hat)[13].

Nebenbei nun ein Wort zum einleitenden Bild, vielleicht dem Bild der deutschen Einheit jenseits Berlins: An die Trabiwelle des ersten Einheitswochenendes im November 1989 und der Wochenenden danach hier in der Region werden sich die meisten von Ihnen gewiss noch lebhaft erinnern – in Wolfenbüttel standen die Zweitakter vor Jägermeister schön aufgereiht, und es gibt eben dieses Foto, das die Pappschachteln alle mit einer Jägermeisterwerbung auf der Frontscheibe zeigt.[14] "Zwickau meets Wolfenbüttel", so könnte man sagen, und man hat, so scheint es, die Einheit und den Kapitalismus rasend schnell verstanden. Und doch wissen wir auch: Das Auto der Einheit ist in unserem Bildergedächtnis zwar eindeutig der Trabant, "Pappe" der Herzen; in der ökonomischen Wirklichkeit aber waren eben VW und Jägermeister die klaren Sieger.

Zu meinen Geschichten, den Beispielgeschichte und Anekdoten: Vor einiger Zeit konnte ich mithören, wie ein Bayer in einem Wolfenbütteler Antiquariat mit der Buchhändlerin ins Gespräch kam und dann nach einigem hin und her über Bücher und Preise noch bemerkte, es sei ja eine wunderbare Sache mit den tollen alten Fachwerkhäusern hier, er hätte gar nicht gedacht, dass man im Osten noch über so gut erhaltene Bausubstanz verfüge. Unfreiwillig komisch oder gewollt ironisch: die Grenze erweist sich in derlei Geschichten als langlebige Realität und ihr Nachleben wird mitunter zum Kult. Neulich, wieder so eine alltägliche Kommunikationsfrucht, erzählte mir meine Physiotherapeutin vom Handballspiel einer Wolfenbütteler Mädchenmannschaft in Weferlingen (in der Börde, Spuckweite zum Westen). Man kam zeitig vor Spielbeginn am Ort an. Ein alter Hallenwart, der alles managte, begrüßte die Gäste mit den Worten: "Na, ihr seid aber früh dran. Ham' euch wohl an der Grenze nicht kontrolliert?" Die Niedersachsen schlagfertig, mit Mutterwitz: "Nö, wir hatten Diplomatenpass." Und ein letztes Beispiel dieser latenten Grenzimprägnierung von langer Dauer: Als nach der Gebietsreform von 2007 mit den Kerngebieten Halberstadt, Quedlinburg, Wernigerode bis zum Brocken auf sachsen-anhaltinischer Seite der Landkreis Harz entstand, beschwerten sich die Niedersachsen, da dieser nur einen Teil des sich über drei Bundesländer erstreckenden Mittelgebirges betraf. Rasch bürgerte sich für das neue Autokennzeichen HZ, abwertend oder vielleicht auch selbstbewusst, der Name "Hinterm Zaun" ein.

Erste Fundamentale also in diesen grenzeigenen Geschichten wäre diese – der Grenzraum als Resonanzboden lang nachwirkender gemeinsamer und zugleich konkurrierender Erfahrungen. Das ließe sich an zahlreichen anderen Beispielen vertiefen und klingt dann natürlich auch stark in die Stereotypen-/Klischeeforschung hinein.

Zweite Erzählfundamentale: Die Grenze als Abenteuerspielplatz und Sehnsuchtsort. Innerhalb dieses Narrativs werden Mauerfall und Grenzöffnung nun selbst die großen Themen und mittelgroßen Erzählungen:

"Und plötzlich", so lesen wir im Erinnerungsbericht eines Siebzehnjährigen Osterwiecker Schülers zur Grenzöffnung bei Stapelburg, 1992 im Band "Grenzwerte" erschienen, "sahen wir vor uns einen Zaun:  "Mein Vater erklärte mir, dass dies der "500-Meter-Streifen" sei. Der Schlagbaum war geöffnet, so dass wir diesen ersten Zaun ohne Probleme passieren konnten. Ich drehte mich noch einmal um und betrachtete diesen ersten "Schreckenszaun", doch ich konnte nichts Erschreckendes an ihm finden. […] Nun waren endlich Menschen zu sehen. […] "Ist es wahr? Sind die Grenzen offen?" "Ja", antwortete der Mann, "Ja!" Sie waren in so einem Rausch von Glück und Freude, dass sie uns gleich erzählten, dass sie bei der Öffnung der Grenzen dabei waren, von der Freude und der Stimmung. Jetzt kamen wir am zweiten Zaun an, in dem etwas links ein Loch in den Stacheldraht geschnitten war. […] Und dann stand er da, der Grenzsoldat, mitten auf der Wiese, und half den Menschen, sicher zum dritten Zaun zu kommen. Er half ihnen, in den Westen zu kommen! Als ich neben ihm angekommen war, riet er mir, wohin ich die nächsten Schritte setzen sollte. In diesem Moment sah ich sein Gesicht. Es strahlte eine Ruhe aus, und es lächelte! Dieser Mann schien glücklich zu sein, endlich den Menschen helfen zu können."[15]

Im selben Band – einem Goldstück subjektiver Einheitsreflexion-Ost – findet sich bereits Trotzig-Bitteres, ja Tieftrauriges: "Und dann kam der Neid" – eines dieser Gedichte, in dem es wörtlich heißt:

Die Mauer fiel,
die Freude war groß.
Gezogen hatten wir das große Los.
Da sangen die Herzen,
da fielen die Steine,
alles war gut
bis auf das Eine.
Daran hatten wir nicht gedacht,
es war das, was die Menschen unglücklich macht.
Der Hass, das Geld, der Übermut
Alles was den Menschen schreckliches tut.
Da verblasste die Liebe, die Zärtlichkeit,
die Freundschaft ging und es kam der Neid.

2012-11-29_vortrag_steinbach_2Das schrieb ein damals Vierzehnjähriger! Auf dem Weg nach Stapelburg, Bad Harzburg, werden die Erinnerungstüren für die damals Beteiligten immer wieder aufgehen. Zur wunderbar bunten und kontroversen Überlieferung der Fallsteiner Gymnasiasten, einer beeindruckenden Sammlung literarischer und künstlerischer Selbstzeugnisse von Jugendlichen aus dem sachsen-anhaltischen Grenzstädtchen Osterwieck, noch ein Wort. Nachdem 1991 aus der dortigen POS "Wilhelm Pieck" das Fallstein-Gymnasium geworden war, initiierte der neue Schulleiter Bernd von der Heide die Sammlung unter seinen Schülern. Heraus kam die inzwischen in zweiter Auflage vergriffene Anthologie "Grenzwerte", ein Buch für Kinder und Erwachsene. Von der Heide, damals ein Wessi und Niedersachse unter lauter Ossis: er spürte etwas vom Schwinden der Einheitseuphorie und vom Eigensinn der mehrheitlich ostdeutschen Biografien seiner Schüler und des Kollegiums und wollte gegenhalten ohne zu bevormunden. "Die Novembertage des Jahres 1989", so sagt er selbst zehn Jahre danach, "gerieten in Vergessenheit und Zukunftsangst machte sich breit. Da war es wichtig, die Schüler ihre Erinnerungen festhalten zu lassen."[16] So entstand ein sachlich und ästhetisch überaus anspruchsvolles, eigenwilliges Dokument, das viel Anerkennung erfuhr und bleiben wird. Wie schön wäre es, etwas Ähnliches aus der Perspektive Helmstedts, Schöningens oder Wolfenbüttels vorliegen zu haben. In den Schularchiven und Lehrerschränken schlummert da gewiss noch so Einiges.

Das Motiv des Abenteuers und der Sehnsucht ist selbstverständlich auch aus westlicher Perspektive greifbar. So machte der erwähnte Braunschweiger Dichter Georg Oswald Cott seine Erfahrungen im kleinen Grenzverkehr (seit 1972), oder sollte man sagen, er wagte das Abenteuer immer wieder aufs Neue – und was er da so an poetischen Bildern und Impressionen festhielt, macht das Bedrückende des Grenzverkehrs und -regimes klar, mutet aber gelegentlich auch ganz unspektakulär alltäglich an:[17]

Bundesstraße eins

Der Weg wird holprig von Aachen nach Kietz
Im Oderbruch spukt der alte Fritz
Und was da bollert, sind keine Kalaschnikows
Der Konsum kippt Kohlen vors Haus

Oder nehmen wir den VW-Manager Carl Hahn, der sich im Frühjahr 2010 im Rahmen meiner Vortragsreihe "Geteilte Erinnerungen – deutsche Geschichten" an die Zeit vor 1989 entsann: "Wenn ich aus dem 13. Stock des VW Verwaltungshochhauses in Wolfsburg zum Fenster hinausschaute und die Turmfalken beobachtete, konnte ich gleichzeitig auch die Kirchtürme von Oebisfelde sehen. Das war aber nicht der einzige Grund, weshalb man sich ständig mit der DDR befasste. Ich war, glaube ich, einer der aufmerksamsten Zuhörer der Reden von Honecker. Ich kannte sie sehr schnell auswendig, weil er immer wieder dasselbe sagte, was das Lernen erleichterte. Man merkte aber doch ein wenig an diesen Reden, wie es um die DDR stand." Hahn sprach übrigens öfter davon, dass man durch die Verhandlungen mit Trabant und Wartburg seit Ende der 1970er Jahre "ein Thermometer in der DDR-Wirtschaft" hatte. Als alter Sachse war seine Sehnsucht nach Zwickau und Zschopau übrigens auch nach vierzig Jahren ungebrochen, und es kamen ihm die Tränen, als er dort auf einer der ersten großen Betriebsversammlungen auftrat. Hahn – ein guter Europäer und dt. Patriot mit Ost-West Tuchfühlung.[18]

Und dann, eine gewisse Berühmtheit unter den hiesigen Einheitsgeschichten, die Story vom Bauer Isensee, der es in Mattierzoll am 10. November 1989, also zwei Tage vor der örtlichen Grenzöffnung, nicht mehr aushielt, den Schlagbaum West einfach ignorierte und schnurstracks auf die Ostseite zulief. Beamte des Bundesgrenzschutzes riefen den Mann mehrfach an: "Halt! Sie bringen sich in Gefahr!" Alles vergeblich. Der Bauer marschierte unbeeindruckt in Richtung der DDR-Grenzer, die ihm schon von weitem zuriefen: "Haste Bier mitgebracht?"[19] Da waren die Messen gesungen, und es gab kein Halten mehr. Und eben hätte da noch geschossen werden können.

Eine ähnliche Spannung lag wohl in der Luft, sie gestatten diesen Schlenker, als Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 13. November 1989 den Potsdamer Platz von Westberlin in Richtung Ostberlin überquerte, um sich selbst ein Bild von der Öffnung der Grenze zu machen. Er bemerkte, dass man ihn aus einer Baracke der Grenzpolizei durch Ferngläser beäugte. "Als ich bis auf einige Meter herangekommen war, öffnete sich die Tür. Heraus trat ein Oberstleutnant, ging auf mich zu, machte eine Ehrenbezeugung, wie ich sie selbst als Potsdamer Rekrut vor dem Krieg nie korrekter gelernt hatte, und sagte: ‚Herr Bundespräsident, ich melde: keine besonderen Vorkommnisse.' Wir gaben uns die Hand. Das war für mich ein unvorstellbarer persönlicher Vollzug der deutschen Vereinigung."[20] Gelegentlich einer Signierstunde in der Braunschweiger Buchhandlung Graff im Februar 2010 erzählte der Altbundespräsident dem Verfasser zur Sache noch, dass er es heute bedauere, den Mann damals nicht nach seinem Namen gefragt zu haben. Warum? Weil der ihn doch eigentlich erst zum "Bundespräsidenten aller Deutschen" gemacht habe.

Wer unser Thema ernst nimmt, wird nicht umhin kommen, gerade diese Geschichten nicht nur um ihrer selbst willen zu erzählen. Denn eine historiografisch vorherrschende Tendenz, Grenzen und Grenzräume zuerst vom Zentrum der Macht her, also administrativ-politisch wahrzunehmen, bedarf der Ergänzung und Kontrastierung durch die "gelebte, erfahrene und wahrgenommene Praxis dessen, was vom Zentrum aus an Grenzen gesetzt und an Maßnahmen vorgegeben wird […]."[21] Nach der Abschaffung von Grenzen bleibt dann an lebendiger Überlieferung ohnehin nur diese Perspektive von Unten und aus der Nähe.

Dritte und letzte Fundamentale: die Grenze als Angstzone, zum Schauplatz von Flucht, Vertreibung, Erschießung. Besonders kommt hier die formative Phase der Zonen- und doppelten Staatsbildung nach 1945 in Betracht, in deren Schatten es ja gleichwohl noch bis weit in die 1950er Jahre einen regen Grenzverkehr – "von hüben nach drüben" (zumeist nach drüben) – gab. Vor allem familiäre Kontakte wurden so noch lange trotz politischer Zumutungen und zunehmend illegal aufrecht erhalten. Über die Absetzbewegungen von Ost nach West sind wir in der Regel besser informiert, als über Bewegungen in die andere Richtung. Ich will ihnen abschließend eine merkwürdige Pendlergeschichte aus dieser noch verwilderten, eher gesetzlosen Zeit im Grenzgebiet erzählen[22], erlauscht von einem 1945 geborenen Wolfenbütteler. Sein Großvater hatte in Magdeburg eine Lackiererei, war enteignet worden, und die Eltern in den Westen gegangen. Jürgen, so nennen wir den Jungen einmal, ging mit seinen Eltern fast wöchentlich über den Harz zurück nach Schierke, wo die Großeltern sie mit dem Wagen abholten. Ende der vierziger Jahre wurde die Luft dünner, der Übertritt gefährlicher und die Furcht aufgegriffen zu werden, immer größer. Je näher man vom Torfhaus her der "Angstzone" kam, desto bedrückender die Stimmung. Jedes Gespräch verstummte. Der Junge, der die Anspannung merkte, fing eines Tages an zu singen, Kinderlieder, Hänschenklein, ein Männlein steht im Walde – wie er erst viel später begriff–- ein Ansingen gegen das bedrückende Schweigen, das ihm offenbar unerträglich geworden war. Für die Eltern war dies ein Fingerzeig von "unten", und sie stellten die Grenzgänge ein. Diese Angst klang lange nach, und auf den Schulhöfen von Wolfenbüttel bis Brome sangen die Kinder noch gerne:

Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm/
Da kommt ein Russenpanzer und fährt es um…

Diese am Ende zu habituellen Ängsten geronnene Erwartungshaltung, was die andere Seite anbelangte, hatte ihren Boden in den Untaten, die das DDR Grenzregime in produzierte. Man erinnere sich an die Erschießung des Journalisten Kurt Lichtenstein bei Zicherie im Herbst 1961, "weil er als Deutscher mit Deutschen drüben sprechen wollte", wie es heute der Gedenktafel auf dem Zicherier Damm zu entnehmen ist.[23]

Soviel also, meine Damen und Herren, zu einer zugegeben äußerst knappen Phänomenologie einer Zeitgeschichte, die als dialogische Heuristik zu betreiben ist. Es geht dabei über Sammlung und Forschung und jenseits akademischer Diskurse um Vermittlung und Popularisierung, wozu ich hier ja gar nichts weiter gesagt habe. An der Grenze und ihren Übergängen – und damit schließe ich – Überraschendem, Eigensinnigem, ja Subversivem zu begegnen, ist vielleicht das besonders Reizvolle daran. Die Aufgabe steht auch über die Anniversarien hinaus, dem gerade in Grenzräumen anfallenden, überreichen Schatz möglicher Geschichten (wie seltenen Kostbarkeiten) gegenüber aufgeschlossen zu bleiben.

 

_______________

1 Vortrag gehalten auf der Jahrestagung der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen in Helmstedt im Mai 2011. Erscheint im Niedersächsischen Jahrbuch für Landesgeschichte 2012.

 2 So erzählt es Anne Cardiff in ihrem Audiowalk, der über das Jenaer Schlachtfeld von 1806 führt, wo Napoleon Preußen vernichtend geschlagen hat. Man kann ihn im kleinen Cospedaer Museum zur Schlacht ausleihen.

 3 Der Autor hat dies seit seiner Berufung nach Braunschweig im Jahre 2007 immer wieder praktiziert und auch die alten Harzgrenzen zu Fuß und mit Skiern ausgekundschaftet.

4 Vgl. Maren Ullrich: Geteilte Ansichten. Erinnerungslandschaft deutsch-deutsche Grenze, Berlin 2006.

5 Vgl. Reinhart Koselleck: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt am Main 1989, S. 349–375.

6 Vgl. Odo Marquard: Universalgeschichte und Multiversalgeschichte. (Vortrag im Studium Generale der Universität Freiburg i. Br. am 28. April 1982.), in: ders.: Apologie des Zufälligen. Philosophische Studien, Stuttgart 1986, S. 54–75, hier S. 70.

7 Georg Oswald Cott: Grenzland zwischen Aller und Ohre, in: Mathias Mertens (Hg.): Peine, Paris, Pattensen. Literatisches Erhebungen im flachen Land, Göttingen 2006, S. 83–91, S. 86.

8 Odo Marquard: Die Philosophie der Geschichten und die Zukunft des Erzählens (Öffentlicher Vortrag in der Ostfriesischen Landschaft in Aurich 2003), in: ders.: Skepsis in der Moderne. Philosophische Studien, Stuttgart 2007, S. 55–71, hier S. 60.

9 Vgl. hierzu kritisch Jochen Staadt: Es darf gefragt werden. Eine Oral-History-Reise in die DDR und zurück, in: Horch und Guck. Zeitschrift zur kritischen Aufarbeitung der SED-Diktatur, 54/2006, S. 16–19.

10 Hermann Lübbe: Schrumpft die Gegenwart? Über die veränderte Gegenwart von Zukunft und Vergangenheit, Luzern 2000.

11 Christoph Kleßmann: Spaltung und Verflechtung – Ein Konzept zur integrierten Nachkriegsgeschichte 1945 bis 1990, in: Christoph Kleßmann/ Peter Lautzas (Hg.): Teilung und Integration. Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte als wissenschaftliches und didaktisches Problem, Schwalbach/Ts. 2006, S. 20–36.

12 Karl Schlögel: Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik. München/ Wien 2003, S. 137f.

13 Vgl. Landolf Scherzer: Der Grenz-Gänger, Berlin 2007.

14 Bildnachweis: Detlev Splitt, entnommen der Broschüre "20 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit" des Bildungszentrums Landkreis Wolfenbüttel, 2009.

15 André Ramme (Berßel), Grenzöffnung in Stapelburg, in: Bernd von der Heide (Hrsg.): Grenzwerte. Schüler des "Fallstein-Gymnasiums" Osterwieck erzählen, Wolfenbüttel 1992, 47f.

16 1991–2001. 10 Jahre Fallsteingymnasium Osterwieck, Osterwieck 2001, S. 34.

17 Vgl. Georg Oswald Cott: Blindweg nach Klötze, Westostelbische Gedichte 1986–1991, Bergen/Holland 1996.

18 Redeauszug unter http://geteilte-erinnerung-braunschweig.de/geteilte-erinnerung/projekte/vortraege/31-die-deutsche-automobilindustrie-und-die-wiedervereinigung-mit-vw-in-der-pionierrolle (05.06.2012).

19 Die Anekdote verdankt der Verfasser Herrn Prof. Dr. Hans-Peter Harstick (Wolfenbüttel).

20 Richard von Weizsäcker, Der Weg zur Einheit, München 2009, S. 98.

21 Etienne Francois u.a.: Einleitung. Grenzen und Grenzräume: Erfahrungen und Konstruktionen, in: Dies. (Hg.): Die Grenze als Raum, Erfahrung und Konstruktion. Deutschland, Frankreich und Polen im 17. bis zum 20. Jahrhundert, Frankfurt/New York 2007, S. 7–29, hier S. 13.

22 Vgl. Rainer Potratz: ‚Fahrt ins Ungewisse Richtung Osten' – Politisch erzwungene Migration aus dem Grenzgebiet der DDR zur Bundesrepublik im Jahr 1952, in: Andreas Gestrich/ Marita Krauss (Hg.): Migration und Grenze, Stuttgart 1998, S. 141–154, hier S. 144 f.

23 Vgl. Rainer Zunder: Erschossen in Zicherie. Vom Leben und Sterben des Journalisten Kurt Lichtenstein, Berlin 1994. Vgl. auch Henning Noske: Gedenken an einen getöteten Journalis-ten, in: Paul-Josef Raue (Hrsg.): Grenzwanderung, Essen 2010 (Edition Braunschweiger Zeitungsverlag, Bd. 4), S. 45–48.

 

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